Addis Abeba, 19.4.2009

Liebe Schüler der iNAG,

nun bin ich schon wieder seit fast drei Wochen hier, und es hat sich genug ereignet. Heute ist äthiopische Ostern. Nachdem ich selbst ja letzte Woche schon Ostern gefeiert habe, bleibe ich heute zu Hause, d.h. ich muss das Haus allein hüten, was eigentlich unüblich ist. Aber meine Gegend ist friedlich, und mein Hündchen macht Krach, wenn jemand kommt. Meine Angestellten sollen heute frei haben, damit sie ausgiebig in die Kirche gehen und dann noch ausgiebiger essen können. Es handelt sich um das große Fastenbrechen nach 50 Tagen Fastenzeit, wie innerhalb der äthiopisch-orthodoxen Kirche üblich. Während dieser Tage isst man nichts vom Tier, tagsüber erst nach 15 Uhr und seit Karfreitag praktisch nichts mehr. Am Ostersonntag aber geht es los, zumindest dann, wenn man etwas zu essen erschwingen kann. Das ist hier keinesfalls eine Selbstverständlichkeit. Meine Angestellten haben eine reichliche Extrazahlung bekommen, damit sie alle ein schönes Stück Fleisch auf dem Teller haben. In den letzten Tagen wurden Tausende von Schafen und Ziegen durch die ohnehin überfüllten Straßen getrieben. Sie alle endeten heute im Kochtopf. Mit solchen Gepflogenheiten habe ich nichts im Sinn. Für mich steht fertig vorbereiteter Kartoffelsalat bereit, und genügend Obst ist auch da. Gegen Abend kriege ich dann unweigerlich von meinem Sonntagswächter, einem älteren Behinderten, eine Portion scharf gewürztes äthiopisches Nationalgericht angeliefert. Es führt kein Weg daran vorbei: Er muss sich unbedingt dafür bedanken, dass er Extrageld von mir bekommen hat. So will es seine Familie. Das war ein bisschen aus Äthiopien.

Nun aber zu unserer gemeinsamen Sache. Das Projekt für die Förderung des naturwissenschaftlichen Unterrichts läuft für meine Begriffe gut weiter. Ich freute mich sehr über 300.- Euro Zuwendungen von ehemaligen Schülern bzw. deren Eltern, die den Zeitungsartikel gelesen hatten. Sie hätten gern Spendenbescheinigungen, und diese sind nun in Auftrag gegen. Sie werden sie in Kürze erhalten. Die 500.- Euro von der Formel-1-Mannschaft habe ich noch nicht verbuchen können. Die Leute hatten mir ihre Website-Adresse gegeben, aber keine E-Mail-Adresse. Könntet ihr vielleicht einmal nachhören? Vielen Dank!
Mit den Spendenbescheinigungen hat es sich ein bisschen hingezogen, und das ging auf ein hausgemachtes Problem der Sparkasse Neuss zurück. Urplötzlich hatte diese ihr gesamtes Outfit hierfür verändert, und mir damit den Zugang zum Online-Banking gesperrt. Mein persönliches Portal konnte ich nicht mehr öffnen. Meine diesbezüglichen Anfragen bei der Sparkasse führten dazu, dass ich erklärte bekam: “Sie müssen Ihre persönlichen Angaben nun nicht mehr rechts, sondern links in die vorgesehenen Felder eintragen“. Die nächste Dame, an die ich mich um sachdienliche Hinweise wandte, schickte mir dann eine Kopie der neuen Maske: „So sieht diese jetzt aus“. Ich konnte nicht erreichen, begreiflich zu machen, dass ich einen neuen link brauche. Hier gibt es viele Analphabeten, und in jeder Bank sitzen Leute bereit, von denen man sich einen Überweisungsträger ausfüllen lassen kann. Wenn man mich sieht, die weiße Frau, denkt man nie an Analphabetismus. Das scheint in Grevenbroich anders zu sein. Dass ich nicht lesen kann, stimmt zwar, aber nur dann, wenn man mir die Brille wegnimmt. Wegen meiner starken Altersweitsichtigkeit geht dann tatsächlich nichts mehr. Ihr merkt ja wohl, wo der Schwachpunkt liegt: Man ist in Deutschland so daran gewöhnt, dass am Computer alles möglich ist, dass Sparkassenangestellte nicht nachvollziehen können, wenn Leute Probleme haben, an ein bestimmtes Programm überhaupt heran zu kommen.

Zunächst habe ich mich nach den Kontoständen erkundigt, indem ich den Computer im Lehrerzimmer der Botschaftsschule benutzte. Dort haben sie mehr Programme installiert, als ich zu Hause besaß. Auf Dauer ist das lästig. Ich bestellte mir einen Computerspezialisten, der mir zu Hause ein weiteres Programm installierte. Das geht nicht ohne Zeit- und Kostenaufwand über die Bühne. Hauptsache ist aber, dass die Sparkasse Neuss glücklich ist über ihr neues Outfit, womit sie ihre im Ausland lebenden Kunden aufs Trockne setzt, und es nicht einmal begreift!

Den Zeitungsartikel über eure AG habe ich inzwischen ins Englische übersetzt und in der German Church School ausgehängt. Das führt zu vielen Fragen an mich und zu Diskussionen miteinander. Mit dem Grundsatzprogramm des Millenniums „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ habt ihr wirklich den Nagel auf den Kopf getroffen. Ich hatte hier vor Ort aus eigenen Stücken einen Antrag an die Deutsche Botschaft gestellt, und zwar an die Abteilung für „Kleinprojekte“. Man hatte mir zunächst keine Hoffnung auf Berücksichtigung gemacht, da diese „Kleinprojekte“ nur für die Unterstützung der Ärmsten der Armen vorgesehen sind. Aber siehe da, ich bekam vorab den Zuschlag, ausgewählt aus 80 Anträgen, die vorlagen. Davon kommen nur zehn bis fünfzehn zum Zuge. Aus meiner Zuteilung erhalten nun zwei Schulen vor Ort eine Grundausstattung für Physik und Chemie und sind hoch erfreut darüber. Es läuft also gut. Der deutsche Botschafter bezog sich bei seiner Entscheidung ausdrücklich auf das Millenniums-Programm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Dazu wolle man von Seiten der Deutschen Botschaft einen Beitrag leisten.

Schon in dieser Woche haben wir eine Nachmittagstagung für die Chemielehrer, die an dem langen Workshop mit deutschen Lehrern teilgenommen haben, angesetzt. Ich konnte einen ehemaligen Schüler von mir, der es zum Chemieprofessor an der hiesigen Uni gebracht hat, dafür gewinnen, die Tagung zu leiten. Gemeinsam kann man dann beraten, was am dringendsten gebraucht wird, und ich bin froh, dass ich den anderen Schulen, die keine Grundausstattung von der Botschaft erhalten, auch etwas anbieten kann. Vom Geld aus Grevenbroich wird jede Schule zumindest einen Bunsenbrenner und Zutaten zum Kochen erhalten. Das ist doch wirklich ein sichtbarer Fortschritt! Für Physik muss ich noch einen Fachmann rekrutieren, damit es dort auch weiter läuft. Ich muss einmal die Fachschaft für Physik an der Uni heimsuchen, vielleicht findet sich ja jemand. Das Problem an der Sache ist natürlich, dass wir keine Honorare zahlen wollen (können), und also arbeitet man nur für ein Dankeschön und vielleicht für die Vermehrung von Ansehen. Also gilt es wieder einmal bei Gelegenheit in der Zeitung zu erscheinen. Die Hauptsache ist, dass wir das Projekt am Laufen halten, und dabei zähle ich natürlich auf euch!In diesem Sinne wünsche ich euch viel Erfolg für eure Maiveranstaltung! Was für Informationen braucht ihr noch von mir? Ich versuche, für die AG-Schüler wenigstens ein kleines Filmchen herzustellen.

Bis dann, weiterhin viel Erfolg!

Mit herzlichen Grüßen an alle Beteiligten,

Ursel Stahlmann