Addis Ababa, 5. Juni 2009

Liebe Schülerinnen und Schüler der iNAG,

längst habe ich euren Bericht vom Pascal-Sommerfest und dem Aktionstag in eurem News Letter gelesen. Außerdem habe ich schon vorab eine Mitteilung von Herrn Laufenberg erhalten und darauf geantwortet. Leider habe ich Probleme, meine E-Mails los zu werden, doch davon später.

Zunächst möchte ich euch allen, die an den Vorbereitungen und an der Durchführung des Aktionstages beteiligt waren, recht herzlich danken. Es war ja offensichtlich ein voller Erfolg, und die Aktionen wurden mit reichlichen Spendeneinnahmen bedacht. Ich freue mich sehr darüber und kann jetzt richtig loslegen. Zu tun gibt es genug, herzlichen Dank!

Erst vor wenigen Tagen besuchte ich eine der Nachbarschulen, die nach der letzten Fortbildung im Januar schon ein paar Materialien erhalten hat. Die Fachlehrer hatten alles schon fleißig benutzt und versicherten, dass die Schüler diese Art von Unterricht mit Demonstrationen sehr genießen. So etwas wie Demonstrationsmaterialien habe man noch nie gehabt, und so habe sich das Ansehen der Fächer Physik und Chemie komplett verändert. Der Chemielehrer wünschte sich noch ein paar Chemikalien. Er wird sie bekommen. Vorrangig aber ist, dass die anderen beteiligten Schulen noch ein paar Geräte bekommen. Die Deutsche Botschaft in Addis Abeba hat Geld für die Grundausstattung in zwei Schulen aus Mitteln ihrer sog. Kleinprojekte genehmigt. Ich bin gerade dabei die Sachen zusammen zu stellen. Als ich den Antrag bei dem zuständigen Mitarbeiter der Botschaft abgab, hatte ich die Zeitungsartikel über das Pascal-Gymnasium und dessen Beteiligung am Projekt dabei. Das hat ihm sehr imponiert, und er meinte, die Botschaft habe das Millenniumsziel, „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ auch fest im Auge. Bei den Kleinprojekten der Botschaft soll es eher darum gehen als um rein sozial geprägte Anliegen wie z.b. die Unterstützung bei einer Essenausgabe. Von den 80 Anträgen erhielten vorab 40 eine Absage, zehn eine Zusage, und über dem Rest wird noch gebrütet. Höchsten zehn weitere werden noch positiv beschieden. Siehe da, mein Antrag wurde vorab genehmigt. Damit erhalten zwei Schulen eine Basisausstattung, die bei weitem besser ist als die der anderen. Aber ich bin wirklich froh, dass ich mit Hilfe von euch allen anderen auch etwas geben kann. Wenn jede Schule etwas vom Kuchen abbekommt, kann ich auch die Lehrer bei der Stange halten. Sie sollen sich in regelmäßigen Abständen zu Konferenzen treffen, wobei sie sich dann auch gegenseitig beraten und Wünsche äußern können bzgl. dem, was sie am dringendsten brauchen. Wie ihr seht, ist dies ein Projekt, was auf längere Sicht angelegt ist.

In Kürze werde ich meinen Heimaturlaub antreten, aber bestimmt wieder zurück kommen, denn, wie man sieht, gibt es ja genug zu tun. Im Moment gibt es allerdings auch genügend Probleme im Land. Wie ich in einem anderen Brief schon erwähnte, haben wir regelmäßige Stromsperren, und diese haben sich inzwischen ausgeweitet. Dreimal pro Woche wird stadtteilsweise der Strom ganztägig abgeschaltet. Je nachdem, wann der zuständige Mann im Elektrizitätswerk auftaucht, beginnt der Blackout zwischen 6 und 7.30 Uhr am Morgen. Inzwischen wird es 11 Uhr nachts oder noch später, bis wieder angeschaltet wird. Normalerweise bin ich dann schon im Bett. In diesem Monat wird es erst kurz vor 19 Uhr dunkel. Dann hat man also noch mehrere Stunden Dunkelkammer vor sich. Ich habe eine feine Gaslampe, esse dabei zu Abend, lade dazu auch mitunter Nachbarn ein oder gehe aus essen. Das Problem ist nur, dass man den Tag nicht genau weiß, so dass Verabredungen immer erst im letzten Augenblick erfolgen können. Das Resultat ist ein völlig unsystematisches Arbeiten. Wann kann ich am Computer sitzen und schreiben, wann kann ich Filme schneiden und kopieren, wann nehme ich mir Einkäufe vor und wann ziehe ich mit anderen los, um den Abend sinnvoll mit Schwätzen zu verbringen? Alles findet völlig unvorhergesehen statt. Schlimmer ist aber, dass die äthiopische Industrie, dieses zarte Pflänzchen, sehr darunter leidet. Wer keinen Strom hat, macht sein Foto- oder Friseurgeschäft zu, stellt die Schreiner- oder Metallarbeiten ein und schickt die Angestellten nach Hause, ohne Lohnfortzahlung, versteht sich. Die äthiopische Zementindustrie, deren Produkte dringend für den Bauboom gebraucht würden, arbeitet nicht mehr. Sogar die beiden feuerfesten Tische für die Unterrichtsräume der Schulen, die von der Botschaft unterstützt werden, werden nicht fertig, weil der Marmor nicht geschnitten werden kann.

Versucht einmal, euch vorzustellen, wie es in Deutschland zuginge, wenn dergleichen stattfinden würde. Würden die Leute eingehen, weil sie nicht vor der Glotze sitzen können, oder weil sie abends nicht kochen können? Aber was wäre erst, wenn der Winter käme, und man im Kalten säße. So lange ist es nun auch wieder nicht her, dass es in Deutschland so zuging. Kurz nach dem Krieg – ich war noch ein Kind -, da hatten wir es nicht anders: Kein Strom! Wir saßen dann in der Küche, denn nur dort brannte Feuer im Herd, meine Mutter besaß eine Petroleumlampe, und die wurde von den Nachbarinnen, die nur Kerzenschein hatten, so geschätzt, dass sie meist bei uns saßen, um besser Strümpfe stopfen zu können für die Kinder. Wir waren immer eine große Runde, die Frauen an der Petroleumlampe und die Kinder abseits. Spielen konnten wir trotzdem. Von Fernsehen und Computer sowie Kühlschrank oder Waschmaschine war ja ohnehin noch nicht die Rede. Was also vermissten wir? Aber die Zeiten haben sich halt geändert, und jetzt sind wir, ihr zusammen mit mir, dabei den Äthiopiern die Grundlagen der Technik näher zu bringen, damit ihr Land am Fortschritt teilnehmen kann. Ja, das habe ich damals als Grundschulkind auch nicht geahnt!

Morgen ist Samstag, vermutlich kein Strom, Mist, denn am Samstag könnte ich doch schön wegarbeiten, weil ich keine Schule habe. So muss ich mich heute mit dem Einsatz der Technik beeilen. Euer Brief muss raus, und noch eine Abrechnung fertig gemacht werden. Nebenan läuft der Fernseher: Ich kopiere einen Film für die German Church School, aus dem ich die Werbung herausschneiden muss. Mit halbem Ohr lausche ich auf die Geräusche, orte akustisch die Werbung, hetze dann an den Fernseher und stoppe das Kopieren für ein paar Minuten, dann flitze ich zurück an den Computer und mache dort weiter. Manchmal habe ich richtig Sehnsucht nach der Zeit ohne Technik. Im Moment habe ich allerdings eher das Schuljahresende fest im Blick. Dann rausche ich ab und kann die Probleme für einige Zeit vergessen. Ich habe mich seit meinen Kindertagen halt doch an manche Bequemlichkeit, die die technischen Errungenschaften möglich machen, gewöhnt.

Ich denke, dass ich am Montag, dem 29. Juni, ankommen werde. Bis dahin grüße ich alle Schüler/innen und Lehrer/innen recht herzlich
Ursel Stahlmann