Liebe Schüler der Nachhaltigkeits AG, lieber Kollege Laufenberg,

 

das war für mich eine tolle Nachricht ! Von allen in Grevenbroich angesiedelten Institutionen oder Firmen, die mir versprochen haben, über eine Förderung von naturwissenschaftlichem Unterricht nachzudenken, seid ihr, die Schüler der Nachhaltigkeits AG, die ersten, die sich überhaupt rühren! Die Idee mit dem Fußballspiel fiinde ich sehr gut.
Egal, wie viel Geld zusammenkommt, es ist ein Anfang, und ich werde das Geld in dem vorgesehenen Sinn anlegen.

Morgen, am 11. September, ist äthiopisch Neujahr und hierzulande ein hoher Feiertag. Das Milleniumsjahr 2000 ist damit beendet. Man benutzt hier den Julianischen Kalender, und der läuft etwa sieben jahre hinter dem international gebräuchlichen Gregorianischen hinterher. Meinen äthiopischen Angestellten habe ich Neujahrsgeld gegeben, damit sie sich ein Stück Fleisch für das Mittagessen leisten können, und sie werden es genießen. Ich selbst bin auch bei Äthiopiern zum Essen eingeladen.

Mit dem Neujahrsfest geht planmäßig die Äthiopische Regenzeit allmählich zu Ende, und die staatlichen Schulen beginnen. Man stelle sich vor: Die großen Ferien fallen traditionell mit der Regenzeit zusammen. Verreisen tut ohnehin kaum jemand. Nur die Ausländer kehren dem Land den Rücken.
Da die Schulen noch nicht begonnen haben, konnte ich nicht auf die Schnelle ein paar Fotos schießen und abschicken. Einen kleinen Bericht aber kann ich liefern.

In meinem letzten Heimaturlaub in Grevenbroich habe ich mich bemüht, einige Leute dafür zu interessieren, in diesem Land den naturwissenschaftlichen Unterricht zu fördern. Es ist klar, dass durch das äthiopische Pauksystem das Potential seiner Menschen nicht hinreichend gefördert werden kann. Einen kleinen Beitrag, gewissermaßen einen Anfang, dies zu verändern, soll das folgende Projekt leisten:

„Meine Schule“, die German Church School, hat im letzten Jahr damit begonnen, Fortbildungen durch deutsche Lehrer zu organisieren, in die Fachlehrer der naturwissenschaftlichen Fächer von nachbarschulen einbezogen wurden. Der stellvertretende Schulleiter und ich klapperten diese Schulen ab und luden sie zu unseren Fortbildungen ein. Wir trafen zum Teil auf sehr engagierte Schulleiter, die überall versuchten, aus den wenigen Mmitteln, die sie haben, das Beste zu machen, und wir stießen bzgl. der Fortbildungen auf offene Ohren. Die Schulleiter entsandten ihre Fachlehrer.

Folgende Schulen waren beteiligt: Atse Naod School, Menelik I and Menelik II Primary School, Mehal Ginfile Primary School, Kidane Mehred School, Belay Zeleke Primary School und die Nazaret School. Bei den meisten Schulen handelt es sich um eine Primary-School, eine Grundschule, die die Klassen 1 bis 8 umfasst. Auch die German Church School ist eine solche Schule.
Falls wir anbauen können, werden wir aufstocken. Das äthiopische Schulsystem umfasst insgesamt 12 Schuljahre. Die Grundschulen brauchen am dringendsten Unterstützung, denn die armen Kinder sollen naturwissenschaftliche Grundlagen ausschließlich nach Büchern lernen, eine Ausstattung mit Unterrichtsmaterialien gibt es nur an Privatschulen, aber kaum an den staatlichen.

Der Kenntnisstand der Äthiopier in Technik und Naturwissenschaften ist dementsprechend desolat. Nur Theorie kann man nicht behalten und nicht anwenden. Der Staat hat längst eingesehen, dass sich das ändern muss. In den letzten Jahren wurden in Addis Abeba Dutzende von Schulen gebaut, um von Klassenfrequenzen von über hundert Schülern herunterzukommen. Alle diese neuen Schulen haben einen Raum für den naturwissenschaftlichen Unterricht erhalten, aber da ist nichts drin! Der Staat hat erstens kein Budget dafür, und zweitens wissen die Verantwortlichen nicht, wie und wo man Geräte beschaffen könnte. In Äthiopien gibt es dergleichen nicht zu kaufen.

Die Fortbilder des letzten Jahres haben zunächst einmal damit begonnen, Versuche, die man mit einfachsten Mitteln durchführen kann zu demonstrieren. Das haben die Lehrer auch akzeptiert, aber ein solcher Unterricht hat seine Grenzen. Es wäre wunderbar, wenn im Zuge der nächsten Fortbildung wenigstens eine Schule, deren Lehrer bereits ausgebildet sind, ein paar Geräte zur Verfügung gestellt bekäme. Ein Tropfen auf den heißen Stein ist das natürlich. Aber dabei muss es nicht bleiben. Wenn nur ein einziger engagierter Verantwortlicher aus dem Kultusministerium sich das ansehen würde, so käme man vielleicht auch dort einen Schritt weiter.

Sollte das Pascal-Gymnasium an mehr Kontakten interessiert sein, so würde ich mich an eine Highschool wenden, da deren Schülerschaft besser passen würde. Aber das ist bermutlich Zukunftsmusik.

Gestern Abend schaltete sich plätzlich der Strom aus, und ich saß im Dunkeln. Auch diesen Brief konnte ich nicht zu Ende schreiben. Man sieht den Stand der Technik in der Landeshauptstadt: Tausende der besser gestellten Äthiopier schalteten am Abend das Licht ein und außerdem ihre elektrischen Öfen, um vor dem Feiertag den Fladen, das Nationalgericht, herzustellen. Das reicht, um die Stadt ins absolute Dunkel zu tauchen. Solche Probleme gibt es in vielen ländlichen Gebieten nicht. Sie haben bis heute keinen Anschluss an ein Elektrizitätsnetz. Um die Entwicklung voranzutreiben, fehlt es an allen Ecken und Enden an Technikern. Wie kann man aber solche Lete heranbilden, wenn in den Schulen keine Basis geschaffen wird?! Wer da ansetzt, hilft dem Land tatsächlich.

Für euer Fußballspiel wünsche ich euch viel Erfolg, vor allem viele Zuschauer mit gut gefüllten Portemonnees, die hinterher etwas weniger gefüllt sind!

Mit freundlichen Grüßen und bestem Dank für euren Einsatz
Ursel Stahlmann

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