Addis Abeba, 19.2.2010

Bericht zum Projekt „Naturwissenschaftlicher Unterricht“ und „Pascal-Study-Group“

Im Februar 2008 fand der erste Workshop für Lehrer für Physik und Chemie statt, im Januar 2009 der zweite, bei dem zum ersten Mal einige wenige Unterrichtsmaterialien ausgeteilt wurden. Zwei Fachlehrer aus Deutschland leiteten die Workshops. Seitdem laufen diese in unregelmäßigen Abständen an Nachmittagen weiter. Es besteht kein Zweifel daran, dass wir mit diesem Projekt die Bedürfnisse des Landes genau getroffen haben. Die Regierung bemüht sich auf verschiedenen Wegen, die Effizienz des Unterrichts zu erhöhen. So veranstaltet das Schulministerium z.B. gerade jetzt einen Workshop für die Physiklehrer aller Schulen der „Cluster-Centre“ (zentrale Schule eines Bezirks). Sie werden in der German Church School zusammengetrommelt und bekommen dort Experimente mit deren Geräten vorgeführt. Die gute Ausstattung der German Church School ist beim Schulministerium durchaus bekannt. Es besteht auf absehbare Zeit hin aber nicht die Aussicht darauf, dass die teilnehmenden Lehrer diese teuren Geräte in ihren Schulen zur Verfügung haben werden und benutzen können. So wird die Wirkung des Workshops schnell verpuffen; vor allem aber haben die Schüler nichts davon. Für diese gilt bis auf Weiteres: Formeln auswendig lernen, Theorie büffeln und das Examen im Multiple-Choice-Verfahren absolvieren. Kein Wunder, dass die naturwissenschaftlichen Fächer für die Schüler zum Gähnen sind.

Da sind wir schon besser. Wir haben inzwischen eine Arbeitsgemeinschaft von Lehrern gegründet, die „Pascal-Study-Group“. Ihr gehören die Lehrer von 14 Schulen an. Drei davon, darunter die German Church School, haben ein eigenes Budget und werden nicht aus dem Geld des Pascal-Gymnasiums unterstützt. Die anderen elf bekommen nach jedem Workshop etwas mit nach Hause. Alle Lehrer, insbesondere diejenigen, die bereits Unterrichtsmaterialien haben, kommen regelmäßig zusammen, machen Vorschläge, äußern Wünsche und bekommen Geräte und Materialien vorgeführt. Eine solche Unterweisung für Lehrer, die nur Theorie studiert haben und keinerlei Erfahrung im Experimentieren haben, gibt es nach meiner Kenntnis im ganzen Land nicht. Unsere „Study-Group“ wurde bereits durch das Schulministerium der Stadt Addis Abeba anerkannt, und unserem Projekt wurde der Dank eines hohen Ministerialbeamten zuteil, der zur Übergabe des Botschaftsprojektes erschienen war. Über letzteres schreibe ich weiter unten.

Ich selbst bin keine Expertin in Physik und Chemie und brauche für das Fachliche daher Unterstützung. Für Chemie konnte ich einen meiner ehemaligen Schüler aus meinem ersten Aufenthalt hier in Äthiopien in den 70er-Jahren gewinnen. Er ist inzwischen Chemieprofessor an der hiesigen Uni und unterstützt mich nach Kräften. Er führt von ihm ausgesuchte Experimente vor, und ich kaufe nach seinen Angaben ein. Chemikalien gibt es bei einem einheimischen Unternehmen, das erst seit drei Jahren existiert, oder in der deutschen Apotheke, aber in Quantitäten, die für eine Schule viel zu viel sind. Dank unserer „Pascal-Study-Group” können wir diese Mengen aufteilen. Das macht der Chemielehrer der German Church School, übrigens ein schwer gehbehinderter Mann, der als Kind an Polio erkrankte. Er ist fleißig und hilfsbereit und füllt regelmäßig Gläschen ab, die wir beiden gemeinsam auf dem afrikanischen Markt erstanden haben, das Stück für 10 Cents. Es sind gebrauchte, und der Lehrer setzte eine Schulklasse zum Spülen ein. Im Moment ist die deutsche Chemielehrerin, die an der Entstehung des gesamten Unternehmens beteiligt war, für ein paar Tage mit einer Schülergruppe im Land. Wir werden gemeinsam die beteiligten Schulen besuchen und das Vorhandene noch genauer katalogisieren, damit ich es in Zukunft leichter habe, auszusuchen und einzukaufen.

In Physik ist es für mich schwieriger, zurechtzukommen. Für die Workshops der Lehrer stand mir ein deutscher Professor zur Verfügung, der die Geräte vorführte. Er geht aber nun bald nach Hause, da sein Vertrag beendet ist. Ich hoffe, dass einer der beiden Physiklehrer der deutschen Botschaftsschule mich unterstützt. Die Herren sind aber beide neu im Lande und noch dabei, Boden unter die Füße zu kriegen.

Einen Aufschwung nahm das Ganze durch die Unterstützung der Deutschen Botschaft im Oktober des letzten Jahres. Sie finanzierte eine Grundausstattung für zwei der beteiligten Schulen. Dadurch habe ich für die anderen Schulen dann mehr Geld zur Verfügung. Andererseits gibt es nun Probleme, weil alle anderen Lehrer gierig auf diese beiden schauen und mehr haben wollen, als ich ihnen aus den Mitteln des Pascal-Gymnasiums geben kann. Die Unterstützung des Biologieunterrichts habe ich noch nicht angepackt, weil alles, was diese Lehrer brauchen würden, viel zu teuer ist, z.B. Mikroskope oder Modelle.

Auf jeden Fall werde ich dieses Jahr wieder im Rahmen der „Kleinprojekte“ einen Antrag an die Deutsche Botschaft stellen. Der zuständige Sachbearbeiter hat mir auch bereits seine Unterstützung signalisiert. Obendrein meinte er, man würde sich noch weiter engagieren, wenn ich meine Tätigkeit auf das Land, d.h. auf Schulen außerhalb der Stadt Addis Abeba ausdehnen würde. Man habe auch dort vereinzelt Menschen im Dienste des Deutschen Staates sitzen, die eine von mir zusammengestellte Sammlung weiterleiten könnten. Das habe ich abgelehnt. Bis zu meinem letzten Schnaufer werde ich Lehrerin sein, und daher ist das Kernstück meines Tuns die Unterweisung der Lehrer. Ich werde mich nicht dafür hergeben, das etwas ausgeteilt wird, was die Lehrer aus ihrer Ausbildung nicht kennen. Was wird denn mit den Gerätschaften passieren, wenn keine Anleitung gegeben wird? Sie werden zuerst bewundert und landen danach in der Abstellkammer, oder sie gehen in kürzester Zeit kaputt.

Unmöglich ist es jedoch nicht, in Zukunft das Projekt auszudehnen. Aber solchen Ideen muss eine ganz andere Struktur zugrunde gelegt werden. Diese ist auch schon angedacht, nämlich zusammen mit Herrn Uhler, aber so weit ist es noch nicht, da dafür noch kein Geld zugesagt ist. Eins ist sicher: Die Mittel des Pascal-Gymnasiums und aus Grevenbroich, z.B. von privaten Spendern, sollen für dieses kleine Projekt in der Nachbarschaft der German Church School verwendet werden, und die „Study-Group“ soll in dieser Form weiter laufen. Das bringt immerhin eine kleine Wirkung für die Verbesserung des naturwissenschaftlichen Unterrichts in einigen Schulen, und ich hoffe, dass dies mit Hilfe der iNAG des Pascal-Gymnasiums weiterlaufen kann.

Ursel Stahlmann