Addis Abeba, 3.12.2011

Liebe Schüler der iNAG,

so kann es einem gehen: Vor drei Tagen hatte ich den Brief an euch fast fertig, wollte ihn nur noch auf Fehler durchsehen und beschloss, das aufzuschieben, bis ich aus der
abendlichen Versammlung des Schulvereins wiederkomme. Die Deutsche Botschaftsschule ist als Verein organisiert, und dort sind die meisten Lehrer und Schülereltern Mitglied. Als ich heimkam, war der Strom weg. Ich sitze in solchen Fällen bei meiner Gaslampe, die wesentlich effektiver ist als eine Kerze, und ich aß noch etwas. Da auch die Gaslampe mir nicht zum Lesen reicht, ging ich bald ins Bett. Am nächsten Morgen war immer noch kein Strom da. Die ganze Gegend lag brach. Wir Nachbarn riefen abwechselnd beim Elek-trizitätswerk an. Erst am späten Nachmittag machten die sich an die Arbeit. Nach 24 Stunden Stromsperre lief es wieder. Da alle Kühlschränke und Heißwassergeräte gleichzeitig aufgeladen werden mussten, knallte die Sicherung bald wieder durch. Nach einer weiteren Stunde war in etwa Normalität hergestellt.

Das Problem in diesem Land ist keinesfalls, dass nicht genug Strom da wäre. Neue Staudämme erlauben genügend Stromerzeugung aus Wasserkraft. Das Ganze ist ein technisches Problem. Leitungen und Kontakte, aus chinesischer Schrottware hergestellt, versagen regelmäßig oder sind überlastet. Findet ihr nicht, dass es höchste Zeit ist, die Technik zu verbessern? Dem dient das Projekt, das im Pascal-Gymnasium seinen Ausgang nahm. Wenn erst einmal in einer breiten Masse der Bevölkerung wenigstens ein bisschen technisches Verständnis vorhanden ist, würde vieles besser laufen. Aber bisher scheitert das an völlig unzulänglichem Schulunterricht.

Am 30.11.2011 Schrieb ich folgenden Brief:

Liebe Schüler der iNAG,

auch wenn ihr nur ein kleines Häufchen seid, das sich da zusammen findet, möchte ich euch doch ab und an schreiben, um zu berichten, was hier so los ist. Eure Vorgänger, d.h. Schüler, die die Schule längst verlassen haben, haben mit der iNAG begonnen, und aus der Abteilung, die sich um das Äthiopien-Programm gekümmert hat, ist so manches geworden. Die städtische Schulbehörde von Addis Abeba hat uns längst zur Kenntnis genommen und freut sich über die Förderung der Lehrer in der „Pascal Teachers Group“, wie wir die Gruppe der Lehrer nennen, die sich regelmäßig zu Workshops in Physik, Chemie und Biologie trifft. Der Name „Pascal“ hängt natürlich zusammen mit dem erfolgreichen Grevenbroicher Gymnasium.

Im Prinzip einmal im Monat lade ich zu einem Workshop je Fach ein. Da werden dann Unterrichtsmaterialien je Fach vorgeführt, und die Schulen, 15 an der Zahl, bekommen dann auch die Materialien in die Hand und nehmen sie mit in ihre Schulen. Vor wenigen Wochen war ein Fachlehrer vom SES (Senior Expert Service) für vier Wochen im Lande. Er bildete die Gruppe in Addis für eine Woche in Physik und Chemie aus, und reiste dann nach Norden, wo er in einer Provinzstadt die Lehrer von 17 Schulen drei Wochen in Grundlagenwissen ausbildete.

Wie bezahlt man das alles? Der äthiopische Staat legte den größten Wert auf solche Fortbildungen, hat aber kein Geld dafür. Einen großen Teil meiner Arbeitszeit benutze ich dazu, Geld zu beschaffen, d.h. ich schreibe Anträge und mache Abrechnungen. Mit dem Geld des Pascal-Gymnasiums, im Jahre 2008 bei einem Benefizfußballspiel eingesammelt, fing alles an. Inzwischen habe ich außer in Grevenbroich auch hier vor Ort Quellen aufgetan.

Eine davon sind die Diplomaten, die hier in Addis Abeba akkreditiert sind. Sie halten jedes Jahr einen Weihnachtsbasar ab. Dieses Jahr hat der Basar gerade stattgefunden, und man gab uns für die Pascal Teachers Group fast 6.000 Euro, eine ungeheure Summe, mit der ich nicht gerechnet hatte. Die Ehepartner vieler vor Ort ansässigen Botschafter bilden einen Club. Diese Leute, meist Ehefrauen, veranstalten den Basar und vergeben auf Antrag Geld. Die Pascal Teachers Group und ihr Programm gefiel ihnen so gut, dass sie einen so großen Betrag gaben. Was die Leute nämlich besonders schätzen, ist, dass man den Ausgaben hinterher sehen kann. Ich kann nämlich aus der Arbeit berichten und Vertreter des Diplomanten-Clubs zu Workshops einladen. Die Verwendung des Geldes ist natürlich dem Antrag entsprechend genau fest gelegt. Ich kaufe davon die Geräte, die für die Einführung der Elektrizitätslehre in den Schulen der Gruppe gebraucht werden, und das ist höchst willkommen.

In diesem Jahr hat die Schulbehörde den Lehrplan geändert. Ab sofort wird die Einführung in die Elektrizitätslehrein Klasse 8 anstatt in Klasse 9 unterrichtet. Das sind aber ganz andere Schulen: Von Klasse 1 bis 8 gehen alle Schüler in die „Primary Schools“, danach sind es die „Secondary Schools“. Nun soll man in den „Primary Schools“ unterrichten, aber kaum eine Schule hat die Materialien dafür. Die Pascal Teachers Group wird in Kürze den großen Fortschritt bringen.

Das dreiwöchige Programm im Norden, die Ausbildung durch den SES-Lehrer, haben deutsche Rotarier bezahlt. Von der Deutschen Botschaft kann ich dieses Jahr leider nichts bekommen. Dort sitzt nun in der Abteilung für Kleinprojekte eine neue Dame, und die will uns nichts geben. Die Mittel werden nur an Organisationen oder Clubs gegeben, nicht aber an Privatpersonen wie mich und meinen äthiopischen Kollegen, der der Gruppe mit mir zusammen hilft. So ist das manchmal.

Ich hoffe auf die weitere Unterstützung durch das Pascal-Gymnasium, die Herr Laufenberg für das Frühjahr in Aussicht gestellt hat. Mit diesem Geld bin ich nämlich dann flexibel und kann die Arbeit auf sichere Füße stellen. Fehlende Verbindungskabel oder Ersatzbirnen oder Batterien können nämlich nicht vom Diplomatengeld gekauft werden. Auch wenn in einer Schule zwar ein Raum für den naturwissenschaftlichen Unterricht da ist, aber darin weder Wasser- noch Gasanschluss vorhanden sind, so muss da spontan eingegriffen werden. Das geht aber nicht über Anträge mit Kostenvoranschläge, sondern nur über flexible Mittel. Solche habe ich immer vom Pascal-Gymnasium bekommen.

Für heute soll dieser Bericht genügen. Ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg in der iNAG und sende viele Grüße

Ursel Stahlmann
(ehemalige Lehrerin am Pascal-Gymnasium)