In krassem Gegensatz zu Weihnachtsfeiern stehen unerfreuliche Ereignisse hier im Lande. Die letzten drei Wochen vor Weihnachten waren von politischen Unruhen gekennzeichnet. Es gab in mehreren Orten um Addis Abeba herum Krawalle und Übergriffe der Bevölkerung auf die äthiopische Polizei. Es gab sogar einige Tote und Verletzte. Auslöser ist die Tatsache, dass die Riesenstadt Addis Abeba, die unendlich schnell wächst, ihren Verwaltungsbereich ins Umland ausdehnen wollte. Jedenfalls hatte die Stadtverwaltung dies beschlossen. Dieses Land gehört aber zum Stammesgebiet der Oromo, die sich den Über-griff auf ihr Hoheitsgebiet nicht bieten lassen wollten. Die Oromos sind der größte Stamm Äthiopiens, aber nicht derjenige, der die Macht hat. Die Regierung wird traditionellerweise von den Amharas, dem auch das ehemalige Kaiser-haus angehörte, dominiert. Die Oromos waren schon immer aufmüpfig, aber in den letzten Jahren waren schien sich die Lage zu stabilisieren. Aber siehe da, es braucht nur einen Anlass, und es geht wieder los. Addis Abeba ist längst über seine Grenzen und das der Stadt zugeteilte Gebiet hinausgewachsen. Für die Baugenehmigungen im Umland musste man also bei der Provinzverwaltung der Oromos nachsuchen. Das wollte die Stadtverwaltung ändern. Sie wollte auch Planungshoheit haben. Es geht aber offensichtlich nicht, so einfach Beschlüssen zu fassen. Die Oromobevölkerung begehrte auf, und schon waren in vielen Provinzstädten Krawalle im Gang. Wir, die Deutschen, wurden offiziell von der GIZ (Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit), dem größten deutschen Unternehmen in Äthiopien, gewarnt, ins Land zu fahren. In-zwischen hat sich die Situation offensichtlich mit Hilfe von Polizeigewalt beruhigt. Am letzten Sonntagnachmittag waren ein Kollege von den Rotariern und ich sogar in Holeta, 40km westlich von Addis Abeba im Oromoland gelegen, um dem Bauunternehmer, der eine Grundschule als Projekt der Rotarier renoviert, Geld zu übergeben. Überweisen geht hier kaum. Ich hatte die Tasche voller Geldpakete, mindestens ein Kilo. Das sind nur etwa 1500 Euro, aber hier gibt es keine großen Scheine, sondern nur Geldpakete. Wir hatten keine Probleme, und die Leute in Holeta, eine stets freundliche Landbevölkerung, waren wie immer fröhlich und guter Dinge. Inzwischen gibt es aber weitere Zwischenfälle in Provinzstädten, und angeblich auch in Addis Abeba. Dann wird es wirklich gefährlich. Ein weiteres Problem ist auch die Hungersnot, die inzwischen etwa zehn Millionen Menschen ergriffen hat. Die letzte Regenzeit ist so kärglich ausgefallen, dass viele Menschen auf dem Lande kaum etwas ernten konnten und andere, die von der Viehzucht leben, ihr Vieh verloren haben, weil dieses keine Weide fand. Gras wächst halt nicht, wenn es keinen Regen gibt. Die allgemeine Unzufriedenheit mit den verantwortlichen Politikern wächst, und in gereizter Stimmung ist die Gewaltbereitschaft immer gegenwärtig.

Mal eine gute Nachricht möchte ich dagegen setzen. Die Kinderlähmung (Polio), eine Jahrhunderte lange Geißel der Menschen in diesem Kontinent, ist nicht nur in Äthiopien fast ausgerottet, sondern ganz Afrika ist auf dem besten Wege, binnen zwei Jahren poliofrei zu sein. In Äthiopien gibt es Tausende von Menschen, die ihr Leben im Rollstuhl oder auf Krücken oder irgendwie hinkend zubringen müssen, weil sie in ihrer Kindheit eine Polioinfektion durchgemacht haben. Aber es gibt kein Kind unter zwölf Jahren mehr, dem dieses Schicksal widerfahren ist. Gelungen ist das mithilfe der Rotarier, die sich weltweit mit Impfprogrammen eingesetzt haben. Ich bin auch bereits dreimal weit draußen im Land mitmarschiert und habe Kindern Schluckimpfung verpasst. In-zwischen haben die amerikanischen Rotarier, von denen jedes Jahr im Oktober eine Gruppe hier anreist, um die Entwicklung weiter zu fördern, ein neues Programm aufgelegt, nämlich die Bewaldung in diesem Land zu fördern. Äthiopien ist eines der waldärmsten Länder der Erde. In diesem Sinne wurde im Oktober ein Nationalpark auf dem Entoto, dem Hausberg von Addis Abeba, gegründet. Dort durften Leute von uns ein Bäumchen pflanzen, und nun steht von mir auch eines dort, sogar mit meinem Namen auf einem Schild versehen. Wenn ich dermaleinst dieses Land für immer verlasse, dann wird das Bäumchen vielleicht noch da stehen und gewachsen sein. Ist das nicht eine tolle Aussicht?

Auch Ihnen wünsche ich ein frohes und zufriedenes Jahr 2016 und viel
Erfolg in der Schule!

Mit ganz herzlichenGrüßen

Ursel Stahlmann

 

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